Wohnen

Corona-Tagebuch

Der Artikel zeichnet die ersten Wochen der Corona-Pandemie nach – in Berichten und Bildern. Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen erzählen von ihrem Alltag in Form von Tagebucheinträgen. Los geht es in dieser Ausgabe mit einer jungen Mieterin aus Stuttgart-Degerloch.

Leben in Corona-Zeiten: Denise, 25 Jahre, Single

Denise Kiesel wurde von den Auswirkungen der Corona-Krise in einer besonderen Lebensphase getroffen: Fokussiert auf die Prüfungsvorbereitungen zum Fachabitur, stellte die veränderte Situation den Alltag des sportlichen Singles plötzlich vor ganz neue Herausforderungen. Die lebenslustige junge Frau berichtet:

6. April 2020: Not macht erfinderisch

Ich bin Denise, 25 Jahre jung, und lebe allein in Stuttgart. Dieses Jahr stehen meine Prüfungen für die Fachhochschulreife an. Momentan sind die Schulen geschlossen, daher muss ich mir die restlichen prüfungsrelevanten Themen zu Hause selbst erarbeiten. Meine Lehrer sind trotz der Umstände sehr hilfsbereit. Über eine App oder per E-Mail schicken sie uns Aufgaben bzw. Übungen zu und über Skype gibt es Mathe- und Deutschunterricht. Sie stehen tagsüber telefonisch und schriftlich für jede Frage zur Verfügung. Trotzdem fällt es mir manchmal schwer, diszipliniert und motiviert zu lernen. Was mich aber sehr anspornt, ist, dass ich selbstbestimmt bin: Es interessiert niemanden, ob ich in Jogginghose lerne oder zu welcher Tageszeit ich was erledige. Ich kann alles organisieren, wie ich es für richtig halte, und in meinem Tempo abarbeiten.

Parallel zur Schule bin ich in der Veranstaltungstechnik beschäftigt. Leider musste der Betrieb einige Mitarbeiter vorübergehend entlassen, da keine Jobs zur Verfügung stehen. Denn keine Veranstaltungen heißt auch keine Einnahmen. Glücklicherweise hat mich mein vorheriger Arbeitgeber aus dem Bereich Online-Versandhandel mit offenen Armen aufgenommen. Dort gibt es in Corona-Zeiten mehr zu tun als zu Weihnachten und ich kann als Aushilfskraft mitarbeiten. Als aktiver Mensch gehe ich normalerweise regelmäßig ins Fitnessstudio. Da das derzeit geschlossen hat, trainiere ich jetzt zu Hause, um mich fit zu halten. Bei meinen „Home-Work-outs“ übe ich mit Stretchingbändern und eigenem Körpergewicht. Die Not macht erfinderisch, daher nutze ich auch Gewichte wie einen Stapel Bücher oder einen vollen Wäschekorb, um zum Beispiel Kniebeugen zu machen. Inspirieren lasse ich mich dabei gerne von YouTube-Videos von Sportlern, bei denen man mittrainieren kann.

Nicht nur beim Sport, auch in der Küche und am Grill heißt es jetzt, Neues auszuprobieren.

Mit „Home-Work-outs“ fit bleiben in der Corona-Zeit.

Um weiterhin Kontakt zur Familie und zu Freunden zu halten, telefoniere ich sehr viel oder spreche mit ihnen über Videoanrufe. So kann ich etwas Zeit mit meinen Liebsten verbringen, was mir sehr wichtig ist. Gelegentlich besuche ich auch meine Mutter und meine Schwester und wir spielen Brettspiele. Auf diese Treffen kann ich nicht ganz verzichten. Ansonsten bin ich gerade viel zu Hause, schaue Serien auf Netflix oder entspanne in der Badewanne. Ab und zu spiele ich außerdem mit Freunden Online-PC-Spiele. Eigentlich gehe ich auch sehr gerne und oft in Restaurants essen. Da das gerade nicht möglich ist, koche ich täglich für mich. Dabei gebe ich mir extra viel Mühe, neue Gerichte zu kreieren. Ich teste vegane und vegetarische Gerichte und verwende hierzu Lebensmittel, die ich vorher noch nie probiert hatte. Man glaubt es kaum, was man dabei alles neu entdeckt.

21. Juni 2020: Lockerungen greifen

Mir geht es soweit gut. Die Prüfungen sind nun schon um. Sie waren Ende Mai und momentan warte ich auf die Ergebnisse. Die Lockerungen verspüre ich auf jeden Fall. Treffen mit Freunden und der Familie sind nun − wenn auch eingeschränkt − wieder möglich. Das hatte ich auch nach solch einer langen Zeit sehr nötig. Ständiges Telefonieren und Skypen sind auf Dauer doch keine Ideallösung. Ich gehe auch wieder ins Fitnessstudio, das mittlerweile geöffnet hat. Das verschafft mir einen guten Ausgleich, denn die „Home-Work-outs“ waren, zumindest auf lange Sicht, nicht mein Fall. Letztendlich bin ich dankbar, dass ich mittlerweile wieder einigermaßen nah an meinem Alltag dran bin, so wie ich ihn vor Corona hatte.

Artikelbild: Selbstmotivation ist angesagt: Online-Lernen für die Prüfung

 

Fotos: Denise Kiesel

27.07.2020

Artikel druckenFeedback